Überall in Köln prangen nun GEMA-Werbeplakate, die uns unter anderem suggerieren, dass es ohne die GEMA so gut wie keine Kunst gegeben hätte. Mit einer groß angelegten Kampagne will die GEMA die Urheberrechtsdebatte in Richtung Rechteverwerter pushen. Hier mal der Link zu der GEMA-Imagepflege (http://www.netzwelt.de/news/91786_2-gema-startet-image-kampagne-musik-uns-wert.html).
Diesem Auftritt werden wohl noch einige Werbeaktionen folgen. Schon der Kampagnenjournalismus des Handelsblatt zeigte, dass die Konservativen sich wehren. Die von der Verwertungsindustrie so bezeichneten Künstler wollen die Rechteverwerter vor allem in ihren Urheberrechten stärken. Die Debatte hierzu ist natürlich bereits in eingehender Tiefe geführt worden, so dass ein Beitrag von unserer Seite wohl kaum mehr neue Argumente erschließt. Der wohl beste Überblicksartikel der Debatte bisher ist auf der Seite der Böll-Stiftung zu finden und dringend zu empfehlen: http://www.boell.de/demokratie/netz-urheberrechtsdebatte-verhaertete-fronten-14428.html
Worum aber geht es? In erster Linie geht es um ein Geschäftsmodell, das sich auf massenproduzierten Kulturdatenträger spezialisiert hatte. Diese Datenträger verhalfen einer Content-Industrie zum Aufstieg und verschafften von dieser Industrie so bezeichneten Künstlern schöne Villen an den schöneren Orten dieser Erde. Diese Industrie perfektionierte ihre Strategie und erschloss sich die Märkte der Welt, womit nach dem Prinzip “Ramsch für die Masse” der moderne Künstler zum Idolsternchen seiner Fans aufsteigen durfte.
Auf der anderen Seite aber gab es die Künstler, die von der Massenaufmerksamkeit verschont blieben und die brotlos an den Urheberrechten ihrer Werke nagten. In der aktuellen Debatte beschreibt wohl noch am besten Sascha Lobo die Verquickung von Kapitalismus und den neuen Künstlern wie auch den Künstlern, die niemals ins Rampenlicht der Plattenpresse durften:
“Vor der Erfindung des Kapitalismus war der Künstler ein Bittsteller, der sich über Almosen freuen musste [...]. Dann kam der Kapitalismus und mit ihm die Kulturindustrie, die aus dem Kulturschaffen einen echten Markt machte. [...] Ab diesem Moment begann die Verwandlung des Künstler-Image: mit der Kulturindustrie konnten viel mehr Künstler als zuvor zu gefeierten Idolen werden, zweifellos gesellschaftlich geachtet.” (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,825385,00.html)
Gerade der Kapitalismus machte also aus dem, was sich einst als Kunst verstand, den Markt der angehimmelten Künstler. Zwar ging es den so nach oben Gehobenen immer noch irgendwie um ein verschwobenes Konzept von Kunst, in erster Linie bekamen sie aber Geld dafür, dass sie auch noch Ruhm und Ehren der Fans einstreichen durften. Geld, Ruhm, Ehre, das Berufsbild einer Generation war geboren, woraufhin die Industrie beständig neue Superstars suchte und daraus auch eigene Fernsehformate kreierte.
Für eine Rockband gab es wohl keine bessere Zeit als die Zeit von 1970-2000 als ihnen zahllose Groupies dabei halfen, das Image vom Feind des Establishment zu pflegen. Bei Sex und Drogen konnte derzeit jeder sein Image sogar potenzieren. Sex bringt noch mehr Sex, lautete das Prinzip eines gepflegten Rockstars. Es schien als würde der Künstler (der ja ein von der Industrie gemachter war) endlich von der Gesellschaft zumindest in Sachen Drogen, Sex und Geld geachtet zu werden. Doch Lobo fügt an:
“Leider nur scheinbar, denn die Kulturindustrie übernahm ausgerechnet den problematischsten Aspekt des Kapitalismus: die gnadenlose Erfolgsfixierung. Gesellschaftlich geachtet ist nicht der Künstler, sondern der erfolgreiche Künstler. Die Leute lieben den Star im Kino. Für den Schauspieler, der sich in Berlin Mitte hinter der Bar Geld dazuverdient, um die Miete zu bezahlen, haben sie nur Spott übrig. Künstler sind – und das hat mit dem Internet nichts zu tun – die Spottmasse der Gesellschaft. Außer sie sind erfolgreich.”
War es denn wirklich so, dass die Urheberrechte die Künstler stärkten, die so zum Beispiel an den Grenzen der Kunst experimentierten. Gerade da sich der Kunstbegriff seit Mitte des 20. Jahrhunderts pluralisierte, konnte die Verwertungsindustrie auf den Kunstanspruch ihrer Künstler beharren. Menschen, die nach der Kunst suchten, hielten die Verwerter zumeist auf Abstand, schlicht weil es keine Märkte für das Neue gab und damit die Investitionen Risiko bedeuteten. Doch es gab natürlich auch Gegenbeispiele (fragwürdige zuweilen). So war es wohl noch Karajan, der am besten verstand, wie das Medium des Kapitalismus am besten in die Kunst integrierbar sein. Angeblich hinterließ er 950 Millionen nach seinem Tod, die er mit einem grandios kapitalisierten Musikschaffen erwirtschaftete.
Auch wenn aber hin und wieder Qualität wie Karajan (?) übrig blieb, die Verwertungsindustrie war zu großen Teilen eine Produktionsstätte für das Gewünschte. Gewünscht war etwas, das sich bei Menschen (aus welchen Gründen auch immer) verkaufte und insofern oftmals einem nahezu beliebigen Resonanzmechanismus geschuldet. Durchaus waren hin und wieder Produkte dabei, über deren künstlerischen Wert sich streiten ließe, zumeist aber war der Streitwert nicht gegeben. Verwertung von Avantgarde war bei der angestrebten Ramschproduktion ausgeschlossen. Auch ein möglicher Bildungsanspruch der Kunst war mit dieser Musik höchstens Zufall. Zwar schafften einige sozialkritische Plattitüden den Aufstieg bei der Blumekind-, Punk- oder Scheiß-Egal-Generation, aber von wirklich progressiver Metaphorik möchte doch eigentlich niemand reden. Politik und Bildung war schon in der Kunst irgendwie out und so auch irgendwie bei der Content-Industrie.
Die Urheberrechtsdebatte verhandelt auch aus diesen Gründen nicht unbedingt die Interessen der Künstler, sondern wohl eher die Menge der Interessen, die auf schnödes Geld zielen. Die Minderqualität so vieler Unterhalter braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Die blöde Masse war der kritischen Masse zahlentechnisch schon immer wie ein Naturgesetz überlegen und so war Avantgarde in der Musik auch immer nur etwas, was angeblich schlicht theoretisch mit Musik zu tun hatte. Wirkliche Musik war in den Augen der Verwerter fortan die Musik, die bei Bauarbeitern aus dem Radio klang.
Was bleibt also übrig? Die Frage nach einer gerechteren Verteilung der Wertschätzung für Künstler. Während momentan anonyme Kunstsammler für einige Gemälde Summen ungeheuren Ausmaßes ausgegeben, während einige Künstler Milliarden mit Ramsch verdienen, fehlt auf der anderen Seite der kostenlose Musikschulunterricht für Kinder aus einkommensschwachen Familien, es fehlt die Finanzierung von einsamen, aber überzeugten Künstlern, die sich gerade mit ein paar GEMA-Einnahmen über Wasser halten, aber immer irgendwie am Existenzminimum vegetieren. Deswegen fasst Lobo auch richtig zusammen:
“Die Gesellschaft besteht aus Ameisen, die auf die meisten Grillen herabschaut, während sie ein paar Grillen zujubelt. Fast scheint es, als gäbe es Gesamtkontingent an Wertschätzung für Künstler, und das brauchen Brad Pitt und Lady Gaga eben vollständig auf. Illegales Downloaden mag den einen wie ein Verbrechen scheinen, den anderen wie eine zwingende und deshalb vertretbare Folge der digitalen Vernetzung. Aber eigentlich ist es nur die neueste Facette der steinalten Farce, dass die Arbeit des Künstlers irgendwie weniger zählt. Denn die Ameise muss schuften und schuften, ihre Arbeit ist die des Fleißes und sie gewinnt nie im Lotto. Aber die Grille braucht ja nur ein bisschen Inspiration und zwei, drei gute Tage und hat schon den Hit gelandet, der sie ein Leben lang ernährt mit Limousine.”
Lobo beobachtet richtig, was wir dieser Tage verhandeln ist das Gesamtkontingent an Wertschätzung. Nur weil lange Zeit die Vermarktung Richtwert für Kunst war, bedeutet dies nicht, dass diese Industrie moralisch gerecht verteilte. Auch der Künstler muss sich in der Gesellschaft wieder neu rechtfertigen und ausrichten und dies müssen wir zulassen. Die Frage ist, ob es in zukünftigen Jahrhunderten noch einen King of Pop geben kann (oder darf), der Milliarden mit Musik verdient, wenn er umgekehrt mit dieser Musik nicht den entsprechenden Mehrwert für die Gesellschaft leistet (so wie es im Rahmen der Transaktionsleistungen mit Geld gedacht sein soll). Ist schlichte Verbreitung Mehrwert für die Gesellschaft? Letztlich muss der Künstler wieder zurück vor die Frage treten, was seine gesellschaftliche Anwesenheit eigentlich rechtfertigt und damit stellt sich die Frage nach der Kunst überhaupt. Der Künstler zumindest muss immer auf eine finanzstarke Gesellschaft hoffen, die sich seine Exzentrizität leisten können will. Auch hier trifft Lobo den Kern, wenn er selbst zitiert:
“Rauhe und arbeitsame Hand werden nie in die Armut geraten; entgegen müßige haben nichts andres zu gewarten als den Bettelstab.”
Ich selbst frage mich auch, ob ich die Tatortdrehbuchautoren (die ja gerade für die GEMA werben) mit auf eine Raumschiffarche nehmen wollte, wenn die Welt unterginge. Ich frage mich, welche Künstler wohl dabei wären oder ob ich auf den Hauch an Exzentrik auch wohlweißlich verzichten könnte, um auf dem Raumschiff ohne abgedrehte Typen leben zu können, die lieber in ihrer Villa auf den Barbados hocken würden. Letztlich brauchen wir Künstler, die wieder in der Gesellschaft lokal integriert sind und sich nicht mit ihrer GEMA-Rente auf irgendeiner Villa fern ab von den Arbeitenden absetzen. Was also ist die Rolle des Künstlers, die seine Anwesenheit rechtfertigt?
Bis hierin
Veronika

