Gott und die Grenzen der Musik bei Bach – Reflexionen zur Musikphilosophie

Gott und die Grenzen der Musik bei Bach – Reflexionen zur Musikphilosophie

1970s Advertising - Poster - Johann Sebastian Bach (Germany)

Musikphilosophie gebrochen an Gott (CC_Foto: Pink Ponk)

Die letzte Woche habe ich mit dem Dirigenten Kiril Stankow genutzt, um Philosophie und ihre Grenzen zur Musik als auch die Musik in ihren Grenzen zur Philosophie auszuarbeiten. Unser Ziel ist es, die Musik im Hinblick auf ihren philosophischen Wahrheitsgehalt in einer postmodernen Welt zu befragen. Letztlich ist es gerade daran, mit der Stellung der Musik zum Wahrheitsgehalt auch die darin enthaltende politische Komponente philosophisch aufzuzeigen.

Wir sind unter anderem an den Komponisten Bach, Beethoven und Wagner  die philosophische Bedeutung der Musik abgeschritten, um sie in ihrem heutigen postmodernen, komplexen Status zu verstehen. Die philosophische Frage dabei ist also: Was sind die Grenzen der Musik, wenn wir sie im Ganzen philosophisch betrachten? Hierbei geht es also nicht um Musik als Form der Unterhaltung und Stimulierung von etwaigen biologischen Bedürfnissen, wie es schnell angenommen wird. Ein biologisches Verständnis von Musik wäre philosophisch verkürzt und würde ihr nicht gerecht werden. Bei Wikipedia heißt es zur Kontroversität dieses Themas lapidar: ”

“Warum der Mensch im Verlauf seiner Evolution musikalische Fähigkeiten erlangt hat, ist unklar.”

Nun gut Evolutionstheorie ist aus philosophischem Blickwinkel oftmals ohnehin nur metaphysische Spekulation. Musik muss mehr sein als Rausch und Extase, die wir für die Entspannung brauchen, da uns andernfalls der Schädel explodiert. Aber was ist sie dann? Dieser Bezug zum Ganzen ist keinesfalls Mittelpunkt des Musikschaffens, aber doch immer wieder eine tragende Säule der Auseinandersetzung mit Musik im Ganzen. Dieses Thema der Musikphilosophie wollen wir hier daher mit Bach beginnen. Sicher ist, dass es sich dabei nicht um eine soziologisch korrekte Interpretation handelt, die den Vorstellung aller damaligen Komponisten gerecht wird und auch nicht Bach in seinem gesamten Schaffensritus entspricht, wohl aber ist diese Auffassung, die wir hier aufgreifen, ein treibendes Element der damaligen Zeit, was sich mit der synthetisierenden Kraft der Philosophie darstellen lässt.

Gott und die Musikphilosophie

Zu Zeiten von Bach interessierte musikphilosophisch vor allem die Vorstellung, dass Musik innere Affekte abbilde, das heißt eine Verknüpfung zwischen Seele und Stimme stattfinde, viel mehr aber noch, dass die Musik in einem göttlichen Verhältnis zum Buch Gottes, der Natur, stünde. Besonders zum Ausdruck kam dies in der Kunst der Fuge.  Hiernach entfaltete sich aus einer sehr simplen, musikalischen Idee  (nach der göttlichen Vielfalt der Natur) das Abbild der Schöpfung. In einem kleinen Stück der Musik fing der Komponist (in eigenschöpferischer Leistung) nochmals das Ganze der Schöpfung ein. Musik und Schöpfung kamen hier in einen einmaligen Kontakt, der noch im Ohr aller Hörenden wie ein Nachklang des Urknalls zu vernehmen war. In dieser Schöpfung der Musik konnte der Mensch als Geschöpf die eigentliche Schöpfung erfahren. Musik war damit eine Himmelsleiter, die ihre Kenner hinauf zu den Gesetzen des einzig herrschenden Prinzips führte. Was die Philosophie niemals vermochte und die Religion sich niemals zu philosophieren getraute schaffte daher die Musik. Die Ästhetik der Kunst vereinte Glauben und Wissen.

Gottes Philosophie der Strenge an der Grenze zur Freiheit

Da Gott nun ein Mann ist, der keine Kompromisse machen musste, so konnte es diese auch nicht in der Musik geben. Das hieß, die Musik verfuhr nach strengen Naturgesetzen, ohne dabei jedoch an Mannigfaltigkeit einzubüßen. Obwohl die Kunst der Fuge wie der zornige Bartträger mit ihren Gesetzen sehr streng war, ließ diese sich in allen erdenklichen Variationen entfalten. Im Rahmen der musikalischen Gebote ließ sich die Schöpfung immer noch mit menschlicher Naivität feiern und in alle Winkel der Klangwelt hinaustreiben. Musiker wurden damit ganz im philosophischen Zeitgeist Entdecker eines unendlichen, göttlichen Klangmeeres. Musik war damit eine Gabe Gottes, die aber zugleich nicht nur strenge Regeln auferlegt, sondern auch die Freiheit der Unendlichkeit mitbrachte.

Wie wir an das Göttliche angrenzen

Es ist sehr schnell ersichtlich, dass die Wahrheit der Musik und damit die Musikphilosophie damals noch im Angrenzen an das Göttliche bestand. Als würden wir an eine Wand aus Klängen unser Ohr legen und hinein ins göttliche Arbeitszimmer lauschen, so als würde durch den Schleier der Musik, der unsichtbare göttliche Arbeitsritus ästhetisch verstehen lassen. Der Musiker hatte damals als noch recht einfältig einen göttlichen Kontakt zum größeren Kontext, zum Ganzen. Sie waren mehr als nur Showmänner, sondern immer auch schon Philosophen der Religion. Der Musiker war eine Nahtstelle zwischen Welt und Geist. Unter den Händen des Komponisten formte sich daher nur der göttliche Wille, Unterhaltung war höchstens Nebenprodukt einer viel fruchtbareren Produktion. Das immer Wahre, das die Musik damals also philosophisch zum Ausdruck brachte, war im Kern Gottesidee. Und was war die Gottesidee?  Eine vielfältigen Entfaltung, die sich dann allerdings nicht mehr mit wahr oder falsch- Aussagen darstellen ließ, sondern nur in der Schönheit des Blühens und Wachsens ihren Ausdruck fand.

Was war musikphilosophisch diese Schönheit?

Die Schönheit bestand darin, dass das Musikstück immer nur auf den ersten Schöpfungsmoment durch die Gesetze der Entfaltung zurückbezogen sein konnte. Die göttliche Gabe des Gesetzes brachte die Schönheit in die Welt. Zwar schöpfte der Mensch, aber letztlich ahmte er nur nach, was Gott bereits in allen Dingen angelegt hatte. Aber war dieser klare Gedanke der Naturgesetzlichkeit nicht auf der anderen Seite die Unterbetonung menschlicher Freiheit?

Der Musikphilosoph und seine Freiheit

Diese Wahrheit der Gottheit ging später unter dem pragmatischen Star-Status des Virtuosen verloren. Mit den Revolutionen ging es zunehmend mehr um gesellschaftliche Probleme. Die Befreiung der Völker von dogmatischen Systemen nahm auch ihren Verlauf in der Musik. Die Musik verlor mit der Schwächung des Adels und der Aufwertung des Pöbels den Kontakt zum göttlichen Ganzen und vereinzelte sich hinter den Komponisten, die im heroischen Star-Status für die Masse performten. Da der Gedanke der göttlichen Schönheit verloren ging, fragte wohl der Mathematiker Gauß auch ganz mit Recht als er eine Beethoven-Sinfonie hörte, was denn damit nun bewiesen sei.

Bach allerdings war nicht in dieser Hysterie um sich selbst befangen. Er war kein Star, sondern nur um die wahre Musik und damit um Gott bemüht. Die göttliche Musik musste Bestand haben und so ohrfeigte er gar noch seinen Sohn, als dieser die abendliche Improvisation abbrach. Der Sohn dachte doch tatsächlich, dass sein Vater im Schlummer keine Acht mehr auf die göttliche Entfaltung der Schöpfung geben würde. Der alte Bach jedoch sprang nach der Ohrfeige sofort zum Klavier und beendete die letzten Akkorde, um der göttlichen Sphäre und seiner Wahrheit keinen Schaden zuzufügen.

Grenzen der Musikphilosophie

Dennoch philosophisch lief diese Musikauffassung in ihr Verderben. Hätte die gesellschaftliche Entwicklung nicht ihren Untergang in der Unterhaltung vorweggenommen, so wäre diese Musik durch die Endlosschleife ihrer Idee kein Stück vorangekommen. Die philosophisch-metaphysische Voraussetzung, dass die Musik schon Wahrheit enthielt, ließ die Musikphilosophen nicht die Grenzen der Musik erkennen. Musik allein gibt keinen Sinn und auch nicht ein Gott, sondern Gesellschaft und die Musik kann nur in der Gesellschaft bestehen. Diesen Fragen werde ich mich in weiteren Beiträgen zuwenden.

Nachtrag:

Musikphilosophie bei Bach

Wir haben eher unseren Blick auf die elitären Zirkel der Musik geworfen. Das heißt, auch wenn Bach zwar für die Bürger Leipzigs komponiert haben mag, so lebte der größte Teil der Bevölkerung auf dem Land. Auch für viele bürgerliche Familien war ein Cembalo nur schwer erschwinglich, da diese damals noch nicht in Massenproduktion zur Verfügung standen. Ich behaupte daher, dass auch wenn Bach damals seine Musik für kirchliche Anlässe als auch für Liebhaber schrieb, der Hauptteil seiner Hörerschaft entfiel auf Musikkenner.

 

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